Die Transformation zu Demokratie und Nationalstaatlichkeit im Dreiländereck. Deutschland – Polen – Tschechoslowakei nach dem „Großen Krieg“ (1918 – 1923)

Erzherzog Karl Franz Josef-Strasse mit Schloss. Teschen zwischen 1917 und 1918



Die Transformation zu Demokratie und Nationalstaatlichkeit im Dreiländereck. Deutschland – Polen – Tschechoslowakei nach dem „Großen Krieg“ (1918 – 1923)

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V.

Das Forschungsvorhaben untersucht vergleichend die miteinander verflochtenen Prozesse der Demokratisierung und Nationalisierung im Grenzraum des historischen Dreiländerecks Deutschland – Polen – Tschechoslowakei in den Jahren 1918 bis 1923.

Konkret analysiert es hiermit verbundene politische und gesellschaftliche Brüche und Kontinuitäten vom Zerfall der „alten“ Imperien hin zur „neuen“ nationalstaatlichen Ordnung in Oberschlesien (Weimarer Republik/Polen), Teschen sowie der angrenzenden Nordwestslowakei mit dem Orawa-Gebiet (Tschechoslowakei/Polen). Von besonderem Interesse sind dabei die wechselseitigen Einflüsse von regionaler, nationaler und internationaler Ebene.

Der Aufbau von Demokratie und nationalstaatlichen Strukturen im Dreiländereck war in besonderem Maße mit konkurrierenden Herrschaftsansprüchen in den Machtzentren Berlin, Prag und Warschau verschränkt. Dadurch konnten regionale und lokale Akteure strittige Grenzfragen nicht alleine lösen. Vielmehr wirkten internationale und nationale Entwicklungen in regionale Lebenswelten hinein und polarisierten die politischen Verhältnisse sowie die Gesellschaften vor Ort. Gleichzeitig wirkten Impulse aus den Regionen auch wieder auf die nationale oder internationale Ebene zurück.

Das Projekt geht von der Hypothese aus, dass eine problematische Verflechtung der Prozesse von Nationalisierung und Demokratisierung („doppelte Transformation“) ein Hauptgrund dafür war, dass nicht nur im historischen Dreiländereck eine demokratische Konsolidierung erschwert wurde.


1918 als Chiffre für Umbruch und Aufbruch


Das Jahr 1918 markiert in Europa eine historische Zäsur. In Mittel- und Osteuropa hatte das Ende des Ersten Weltkriegs drei große Imperien begraben: das Russische Zarenreich, die Habsburger Monarchie und das Deutsche Kaiserreich. Demokratie und nationale Selbstbestimmung waren die Parolen der Stunde.

Aus den Trümmern der Imperien gingen zahlreiche neue Nationalstaaten hervor, die alle – mit mehr oder weniger guten Gründen – beanspruchten demokratisch zu sein. „Arbeiter-, Bauern-, Soldaten- oder Nationalräte“ füllten nicht nur in Deutschland das entstandene Machtvakuum, sondern auch in den gerade entstehenden Nachbarstaaten Polen und Tschechoslowakei. Sie standen für die breite politische Vielfalt der Bevölkerungen und konnten somit sowohl Instrumente von Nationalisierung als auch Demokratisierung sein. Der Waffenstillstand im November 1918 beendete jedoch nur formal die Kriegshandlungen des Ersten Weltkrieges.

In vielen Teilen Mittel- und Osteuropas begannen jetzt kriegerische Auseinandersetzungen, die auf den Zusammenbruch der alten Staatenordnung folgten. Paramilitärische Freikorps und bewaffnete Aufständische versuchten zudem territoriale Veränderungen in umstrittenen Grenzregionen zu erzwingen. Gerade diejenigen, die zu jung für den Fronteinsatz gewesen waren, engagierten sich auf allen Seiten in diesem „Grenzlandkampf “. Erst durch das Eingreifen des Völkerbundes, mit Volksabstimmungen zu Grenzfragen und demokratischen Wahlen konnte ein unsicherer Frieden im Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei einkehren.


Projektdaten


Forschungseinrichtung:

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e.V. an der TU Dresden

Projektlaufzeit:

Februar 2018 – Dezember 2020

Projektziel:

Monographie

Beteiligte:

PD Dr. habil. Steffen Kailitz
M.A. Sebastian Paul
M.A. Matthäus Wehowski