„Sorbische Lausitz“ — (T)Räume einer nationalen Minderheit von 1918 bis heute

Manuskript des Gedichtes „Na sersku Łužicu“ (An die sorbische Lausitz), Handrij Zajler 1827



„Sorbische Lausitz“ — (T)Räume einer nationalen Minderheit von 1918 bis heute

Sorbisches Institut

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Europa neu geordnet. Die Grundlage dieser territorialen Neuordnung bildete das nationalstaatliche Prinzip. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker – eine Idee, die sowohl Lenin als auch Wilson propagierten – ließ vielerorts Hoffnungen auf einen eigenen Staat oder zumindest ein eigenes relativ autonomes Territorium aufkommen. Unter denjenigen, die ebenfalls einen Anspruch auf ein eigenes Territorium erhoben hatten, waren Männer um den sorbischen Politiker Arnošt Bart. Als ihr Anliegen auf der Pariser Friedenskonferenz durch die tschechoslowakische Delegation vorgebracht wurde, hörte die Welt zum ersten Mal vom sorbischen Volk, das auf dem Territorium des Deutschen Reichs siedelte.

Die Männer, die vorgaben für das sorbische Volk zu sprechen, erreichten ihre Ziele nicht. Und dennoch hatte ihr Auftritt konkrete Folgen. Sie erreichten, dass die Rechte der Sorben national und international verhandelt worden sind. Dieser Moment lässt die Sorben als nationale Minderheit in Erscheinung treten. Das Vermächtnis der Männer um Arnošt Bart lebte auch auf eine andere Weise fort. Mit dem Anspruch auf ein eigenes Territorium war eine Vorstellung von einer „sorbischen Lausitz“ verbunden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde eine „sorbische Lausitz“ immer wieder imaginiert. Diese Vorstellungen schlugen sich konkret in politischen Aushandlungsprozessen – nicht zuletzt auch bei der rechtlichen Fixierung des sorbischen Siedlungsgebiets in den 1990er Jahren – nieder.


1918 – Chiffre für Umbruch und Aufbruch


Welche Zäsur bildet das Jahr 1918 in der Geschichte der Sorben? Der Ausgang des 1. Weltkriegs hatte weitreichende Folgen für die politische und geographische Umgestaltung Europas. Das Ziel der Alliierten war eine Ordnung, die künftig Frieden in Europa garantieren sollte. Die Grundlage der neuen Ordnung war das nationalstaatliche Prinzip, also die Idee, dass eine Nation ein bestimmtes Territorium selbständig verwalten kann. Im Ergebnis sind insbesondere auf dem Territorium der Habsburger Monarchie neue Staaten – als Nationalstaaten – entstanden. Der Vision der friedlich nebeneinander existierenden (Ein)Nationalstaaten stand jedoch die Realität der traditionell multiethnischen Gesellschaft. Um diesem Widerspruch Rechnung zu tragen, wurde mit der Friedensordnung die politische und juristische Kategorie der nationalen Minderheit etabliert.

Nach 1918 setzte in Europa ein Prozess ein, in deren Verlauf bestimmte Teile der Bevölkerung den Status der nationalen Minderheit erhielten oder sich selbst als nationale Minderheit beschrieben. In diesem Prozess stellten die Sorben einen Sonderfall dar. Die Weimarer Republik war zunächst kein Mitglied des Völkerbundes und somit auch nicht zum Minderheitenschutz verpflichtet. Die Verhandlung der sorbischen Frage auf der Pariser Friedenskonferenz inspirierte die Sorben, sich selbst als nationale Minderheit zu beschreiben und ein eigenes Territorium zu imaginieren. Die nach 1918 erstarkte nationale Bewegung der Sorben wurde in der Weimarer Republik mit Argwohn beobachtet. Die Frage nach der Bedeutung der Lausitz für die nationale Identität der Sorben wurde 1918 auf internationaler Bühne aufgeworfen und seitdem mitunter kontrovers diskutiert.


Projektdaten


Forschungseinrichtung:

Serbski institut – Sorbisches Institut
Bautzen

Projektlaufzeit:

April 2018 – Dezember 2020

Projektziel:

Monographie

Beteiligte:

Dr. Jana Piňosová

Marcel Langer, M.Sc