1918 als Achsenjahr der Massenkultur. Kino, Filmindustrie und Filmkunstdiskurse in Dresden vor und nach 1918

Eingang zum Universum Kino und Rialtokabarett in der Prager Straße um 1935



1918 als Achsenjahr der Massenkultur Kino, Filmindustrie und Filmkunstdiskurse in Dresden vor und nach 1918

Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde

Dresden, das 1918 mit etwa 530.000 Einwohnern zu den größten Städten Deutschlands gehörte, war eine Kinometropole. Ein kommentiertes Verzeichnis, das im Stadtarchiv Dresden überliefert ist, weist zwischen den 1890er Jahren und 1936 mehr als 130 Kinos nach. Unter kinogeschichtlicher Fragestellung wird diese einmalige Quelle ausgewertet:

Kinotopografie

Der Film ist die neue Kunstform des 20. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund gerät die Verdichtung der Dresdner Kinotopografie im Übergang vom mobilen Jahrmarktskino zum Kinopalast ebenso in den Blick wie die Entwicklung der Spielpläne. Die zentrale Quelle sowie zeitgenössische Presse- und Archivmaterialien erlauben Aussagen zu Aufführungspraxis, Filmkritik und Publikumsresonanz.

Kino als Wirtschafts- und Innovationsfaktor

Für die Untersuchung des Kinos als Wirtschafts- und Innovationsfaktor bietet sich Dresden an, das um 1918 ein Zentrum der deutschen Filmindustrie wurde. Große Bedeutung besaßen die Ernemann-Werke, deren Filmprojektoren den Markt beherrschten. Ebenso interessiert die mit dem Kino verbundene Entstehung des modernen Marketings.

Kinodiskurse

Wie das Bildungsbürgertum das Massenmedium Film reflektierte, wird anhand der von Dresden ausgehenden Diskurse analysiert. Beiträge im „Kunstwart“ auf der einen, Ernemannsche Werbebroschüren zum „erzieherischen Wert des Films“ auf der anderen Seite deuten das Spannungsfeld an, in dem sich in den 1920er Jahren auch die politischen Parteien positionierten.


1918 – Chiffre für Umbruch und Aufbruch


Welche Zäsur bildet das Jahr 1918 in der Geschichte des Kinos? Zwei zentrale Entwicklungsprozesse hatten bereits vor Kriegsausbruch eingesetzt: In Dresden und anderen Großstädten entstanden um 1912/13 die ersten eigenen Kinobauten. Ebenso zeichnete sich die Tendenz zum abendfüllenden Spielfilm mit künstlerischem Anspruch ab.

Der Weltkrieg unterbrach einerseits diese Entwicklung kurzfristig, aber er trug andererseits zum Aufstieg des bewegten Bildes bei: Mobile Feldkinos wurden für die Truppenbetreuung eingesetzt und in der Heimat – auch zwischen 1914 und 1918 bedienten zahlreiche Kinos die Schaulust der Dresdner mit dichten, regelmäßig wechselnden Programmen! – informierten die neuen Wochenschauen über das Kriegsgeschehen. Folgerichtig entdeckte man den Film als Propagandamittel, der so zum Objekt staatlicher Kontrolle und Förderung wurde. Anfang 1917 wurde im Deutschen Reich ein militärisches Bild- und Filmamt (Bufa) gegründet, im Dezember 1917 folgte die Universum- Film AG (UFA) für fiktionale Filme.

Beim Eintritt ins Achsenjahr 1918 war damit das Fundament für die 1920er Jahre gelegt: Die Entwicklungslinien der Vorkriegsära wurden nach Kriegsende wieder aufgenommen. Gerade die UFA errichtete zahlreiche Kinopaläste, in denen sie ihre eigenen Filmproduktionen aufführte. Kino und Film konnten sich dadurch in den Jahren der Weimarer Republik als Phänomene einer neuen Massenkultur endgültig etablierten.


Projektdaten


Forschungseinrichtung:

Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde 
Dresden

Laufzeit:

Februar 2018 – Dezember 2020

Projektziel:

interaktive Projektwebseite

Beteiligte:

Prof. Dr. Winfried Müller
Dr. Wolfgang Flügel
M.A. Merve Lühr
Sophie Döring