Protestantischer Kanon und jüdische Erfahrung in der Pluralismuskonzeption Horace M. Kallens

 

Wirkungsstätte Horace M. Kallens: The New School For Social Research, New York



Protestantischer Kanon und jüdische Erfahrung in der Pluralismuskonzeption
Horace M. Kallens

Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur − Simon Dubnow

Auf den Sozialphilosophen und -psychologen Horace M. Kallen (1882–1974) geht das Konzept des kulturellen Pluralismus zurück. Dieses steht exemplarisch sowohl für den geistigen Umbruch, als auch für die langanhaltende und räumlich weit über Europa hinausreichende Wirksamkeit der Zäsur von 1918.

Kallen wurde im schlesischen Bernstadt geboren, kam aber noch im jungen Kindesalter nach Amerika, als seine Eltern 1887 in die Vereinigten Staaten einwanderten. Er studierte von 1900 bis 1903 am Harvard College in Cambridge und wurde 1908 promoviert bei William James, dem bedeutenden Philosophen und Pionier der amerikanischen Psychologie. Zwischen 1911 und 1918 lehrte er an der University of Wisconsin in Madison und mehr als fünfzig Jahre lang, von 1919 bis 1973, an der New School for Social Research in New York.

Dem akademischen und kulturellen Umfeld Harvards kam bei der Entwicklung von Kallens pluralistischen Ideen ebenso wie für die Entwicklung seines jüdischen Selbstverständnisses besondere Bedeutung zu. In diesem Milieu trat Kallen in intensiven Kontakt mit amerikanischen philosophischen und literarischen Traditionen des 19. Jahrhunderts, die auf ein gegen religiöse und politische Konformität gerichtetes protestantisches Denken verweisen. Insbesondere mit der Rezeption literarischer Texte hat Kallen hier seine persönliche Amerikanisierung erfahren. Protestantische Denktraditionen haben sich entscheidend in Kallens Theoriebildung niedergeschlagen, sowohl in der frühen Formulierung von kulturellem Pluralismus im zeitlichen Umfeld des Ersten Weltkriegs, als auch in gewandelter Gestalt während des Kalten Kriegs. Das Projekt fragt daher, wie und unter welchen Umständen Kallen seine Idee des kulturellen Pluralismus in neue historische Kontexte transferierte und welche Bedeutung dabei jeweils seiner Bezugnahme auf protestantische Traditionen zukam.


Das Konzept des kulturellen Pluralismus


Das Projekt untersucht die Übertragungen des während des Ersten Weltkriegs und in den unmittelbar darauffolgenden Jahren erarbeiteten Konzepts von Kallen in unterschiedliche Zeiträume amerikanisch-jüdischer Geschichte des 20. Jahrhunderts bis zum Anfang der 1970er Jahre. Methodisch wird dies durch einen Zugriff ermöglicht, der religiöse Gehalte seines Denkens in den Blick nimmt, die sich aus historischen jüdischen Erfahrungen und zugleich aus amerikanischen protestantischen Traditionen speisten. Einer Amerikanisierung, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vornehmlich als Angleichung von Einwanderern an eine angelsächsisch-protestantische Leitkultur verstanden wurde, setzte Kallen die Bewahrung kultureller Unterschiede unter den verschiedenen ethnischen Gruppen in Amerika entgegen.

Ausgehend von Denkfiguren, die er im Zusammenhang der Epochenschwelle von 1918 entwickelt hatte, beschrieb Kallen in den 1950er Jahren die kontinuierliche Ausweitung des pluralistischen Prinzips als amerikanische Zivilreligion und versah diese mit einem literarischen Kanon als „Bibel Amerikas“. Wie Kallen dabei insbesondere amerikanische protestantische Denktraditionen zusammen mit deutsch-jüdischen des 19. Jahrhunderts in seine Konzeption von Pluralismus überführte und schließlich mit amerikanisch-jüdischen historischen Erfahrungen der Zwischenkriegszeit und der Ära des Kalten Kriegs neu dachte, ist das zentrale Erkenntnisinteresse der Studie.


Projektdaten


Forschungseinrichtung:

Leibniz-Institut für jüdische Geschichte und Kultur − Simon Dubnow
Leipzig

Laufzeit:

Februar 2018 – Dezember 2020

Projektziel:

monografische Studie

Beteiligte:

Prof. Dr. Yfaat Weiss
Imanuel Clemens Schmidt