Umbrüche

Plakate zur Volksabstimmung in Oberschlesien 1921



Die europäische Staatenwelt im Umbruch

Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung

Das Jahr 1918 bedeutete für die Staatenwelt und Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa tiefgreifende Umbrüche. Durch die Abdankung des deutschen Kaisers, den Zerfall der Habsburgermonarchie und die russische Oktoberrevolution ein Jahr zuvor wurde die politische Landkarte dieser Großregion grundlegend neugestaltet. Die alten Monarchien wurden ersetzt durch neue Republiken, in denen Bürger sich in einem demokratischen System selbst regieren sollten. Nach 123 Jahren entstand wieder ein selbstständiger polnischer Staat, die Tschechoslowakei wurde aus Teilen Österreich-Ungarns herausgelöst, Deutschland wurde eine Republik und das Baltikum erhielt mit Litauen, Lettland und Estland erstmals drei eigenständige Staaten.
Es war ein Merkmal dieser Republiken, dass sie als Nationalstaaten gegründet wurden. Aus historischen Gründen führte dies jedoch zu Konflikten, denn über Jahrhunderte hinweg gab es in Mittel- und Osteuropa immer wieder Migrationsbewegungen von Deutschen, Tschechen, Polen und vielen anderen, die somit nicht ausschließlich unter sich siedelten. Vielmehr war es der Normalfall, dass man nebeneinander und miteinander lebte, was mit dem aufkommenden Nationalismus des 19. Jahrhunderts als Problem wahrgenommen wurde.
1918 zogen die neuen Nationalstaaten zudem ihre Grenzen quer durch „gemischte“ Gebiete, die dann zum internationalen Streitfall wurden. Zwar versuchte der neugegründete Völkerbund zu schlichten. Dabei gingen jedoch oft die Stimmen aus den Regionen selbst unter.


Umbrüche aus lokaler Perspektive

Sorbisches Institut

Deutsche oder sorbische Lausitz?

Abbildung eine Monografie von Jiří Kapitán
„Jiří Kapitán: Srbská Lužice (deutsch: Sorbische Lausitz), 1945“

Eine Frage, die mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und vor dem Hintergrund der Erklärung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker zum Prinzip der Neuordnung Europas 1918 mit unerwarteter Brisanz gestellt werden konnte und wurde.
Eine Hand voll Männer um den sorbischen Politiker Arnošt Bart machten sich daran, ihren Traum vom sorbischen Staat in die Realität umzusetzen. Als ihr Anliegen auf der Pariser Friedenskonferenz durch die tschechoslowakische Delegation vorgebracht wurde, hörte die Welt zum ersten Mal vom sorbischen Volk, das auf dem Territorium des Deutschen Reichs siedelte. Die Männer, die vorgaben für das sorbische Volk zu sprechen, erreichten ihre Ziele nicht. Weder entstand ein Staat der Sorben, noch wurde die Lausitz an die Tschechoslowakei angeschlossen, Aussicht auf autonome Verwaltung gab es keine. Die sorbische Geschichte als Geschichte einer nationalen Minderheit spiegelt im Besonderen die Verwerfungen, die in der Neuordnung Europas nach 1918 und der Etablierung der Kategorie der nationalen Minderheit wurzelten und das Leben von Millionen von Menschen in Zentral- und Osteuropa im Laufe des 20. Jahrhunderts erschütterten. 

Für die Geschichte der Sorben gilt das Jahr 1918 umso mehr als Chiffre für Umbruch und Aufbruch, da es nicht nur den Moment markiert, ab dem die Rechte der Sorben national und international verhandelt worden sind, sondern vielmehr den Beginn einer wechselvollen Geschichte der Sorben als nationale Minderheit. Das Vermächtnis der Männer um Arnošt Bart lebte in den Vorstellungen einer sorbischen Lausitz fort, an der verschiedene Akteure zu unterschiedlichen Zeiten arbeiteten und die sich konkret in politischen Aushandlungsprozessen – nicht zuletzt auch bei der rechtlichen Fixierung des sorbischen Siedlungsgebiets in den 1990er Jahren – niederschlugen.